Großer Einfluss des Schlafes auf die kindliche Gehirnentwicklung

von Florian Kleinau

Die American Academy of Sleep Medicine (AASM) empfiehlt für 6-12-Jährige mindestens 9 Stunden Schlaf pro Tag. Es scheint sich jedoch der Trend zu entwickeln, dass unsere jüngere Generation von Kindern immer weniger schläft. Studien haben nun gezeigt, dass Kinder im Grundschulalter, die häufig zu wenig schlafen, eine Reihe von psychologischen und medizinischen Problemen entwickeln können. Dies fanden zumindest Forscher:innen der University of Maryland School of Medicine heraus, als sie die Daten von über 8.000 Kindern in einer Längsschnittstudie untersuchten.1 In der Veröffentlichung wird darauf hingewiesen, dass dies eine der wenigen Studien ist, die die möglichen langfristigen Auswirkungen auf die neurokognitive Entwicklung von Kindern, die weniger als die empfohlene Dauer schlafen, aufzeigt und belegt.2


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Die Studie wurde in der Fachzeitschrift "The Lancet"1 veröffentlicht. Fan Nils Yang und seine Kollegen und Kolleginnen werteten die Daten von insgesamt 8.323 Mädchen und Jungen aus, die zu Beginn der Studie zwischen neun und zehn Jahren alt waren. Die Forscher:innen ermittelten durch Befragung der Eltern, wie lange die Kinder im Durchschnitt pro Nacht schliefen. Auf der Grundlage der Empfehlungen der AASM stuften die Forscher:innen die Kinder in zwei Kategorien ein: Kinder, die ausreichend schlafen und Kinder, die unzureichend schlafen.

Alle Kinder mussten sich zweimal, zu Beginn der Studie und zwei Jahre später, Tests zur Beurteilung ihrer kognitiven Leistungsfähigkeit unterziehen. Außerdem wurden sie psychologisch und medizinisch untersucht, unter anderem mithilfe der funktionellen Magnetresonanztomografie (fMRI). Die Erhebung dieser Daten zu Beginn der Studie ermöglichte es den Forscher:innen, eine Ausgangsbasis zu schaffen, mit der spätere Daten verglichen werden konnten.

Vergleich der Gruppen mit ausreichendem Schlaf und mit unzureichendem Schlaf

Die Forscher:innen teilten die Teilnehmer:innen auf der Grundlage des 9-Stunden-Cut-offs in zwei Gruppen ein. Die eine Gruppe umfasste dabei alle Kinder mit ausreichendem Schlaf und die andere Gruppe alle Kinder mit unzureichendem Schlaf. Sie unterteilten diese beiden Gruppen noch einmal anhand mehrerer Kovariaten, darunter Geschlecht, sozioökonomischer Status und Pubertätsstatus. Laut Dr. Wang2 bestand das Ziel darin: "die beiden Gruppen so weit wie möglich aneinander anzugleichen, um die langfristigen Auswirkungen von Schlafmangel auf das Gehirn vor der Pubertät besser zu verstehen." Ziel war es, die Auswirkungen dieser Faktoren auf die von den Forscher:innen zu Beginn der Studie gemessenen Ausgangsdaten zu untersuchen, um sie ausschließlich auf die Unterschiede im Schlafverhalten zurückzuführen.

Als die Forscher:innen die fMRT-Daten nach zwei Jahren mit den jeweiligen Ausgangsdaten verglichen, stellten sie Unterschiede im Volumen der grauen Hirnsubstanz fest. Außerdem entdeckten sie Verhaltensauffälligkeiten und kognitive Defizite bei den Teilnehmer:innen.

"Die Teilnehmer:innen in der Gruppe mit ausreichendem Schlaf neigten dazu, im Laufe von zwei Jahren immer weniger zu schlafen, was normal ist, wenn Kinder in ihre Teenagerjahre kommen. In der anderen Gruppe haben sich stattdessen die Schlafmuster der Teilnehmer:innen kaum verändertet",2 so Dr. Wang.

Bei den Tests zum Gedächtnis, zur Entscheidungsfindung und den Problemlösungsfähigkeiten schnitten die Kinder, die zu wenig schliefen, schlechter ab als ihre ausgeruhten Altersgenoss:innen. Darüber hinaus traten impulsives Verhalten, Depressionen und Angstzustände bei den jungen Proband:innen mit zu wenig Schlaf häufiger auf, als bei den Kindern in der Vergleichsgruppe.

"Wir fanden heraus, dass Kinder, die zu Beginn der Studie weniger als neun Stunden pro Nacht schliefen, weniger graue Substanz oder Volumen in bestimmten Bereichen des Gehirns hatten, die für Aufmerksamkeit, Gedächtnis und Impulskontrolle zuständig sind, als Kinder mit gesunden Schlafgewohnheiten"2, so Wang weiter: "Diese Unterschiede waren auch noch zwei Jahre später nachweisbar. Dies ist ein besorgniserregender Befund, denn er deutet auf langfristige Schäden bei Kindern hin, die nicht genug Schlaf bekommen."2

 

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Das Schlafverhalten verändern

In einer Längsschnittstudie über zwei Jahre konnten die Forscher:innen Veränderungen im Verhalten und in der funktionellen Anatomie feststellen, die eindeutig mit Unterschieden im Schlafverhalten im Verhältnis stehen. Dies unterstreicht die Bedeutung des Schlafs für die kognitive Entwicklung, insbesondere in der Pubertät, welche eine kritische Phase in der Gehirnentwicklung darstellt.

Viele Faktoren tragen zu gesunden Schlafgewohnheiten bei. Vor allem in den letzten Generationen haben sich der Medienkonsum und die damit verbundene Exposition gegenüber blauem Licht zu wichtigen Faktoren entwickelt, die die Schlafqualität beeinträchtigen.

Die American Academy of Pediatrics (Amerikanische Akademie für Kinderheilkunde) ermutigt Eltern, gute Schlafgewohnheiten bei ihren Kindern zu fördern. Zu ihren Tipps gehört es, ausreichenden Schlaf zu einer Familienpriorität zu machen, eine regelmäßige Schlafroutine einzuhalten, körperliche Aktivität während des Tages zu fördern, die Bildschirmzeit zu begrenzen und alle Bildschirme eine Stunde vor dem Schlafengehen auszuschalten.

Silvia Bucciarelli, Teil des neurocare-Teams in Großbritannien, kommentierte die Studie und fügte hinzu, dass es wichtig sei, "frühzeitige Schlafmaßnahmen zu ergreifen, um die langfristige Entwicklung bei Jugendlichen zu verbessern", um Entwicklungsprobleme zu vermeiden. Sie betonte, dass es von zentraler Bedeutung sei, sich nicht nur auf die Schlafdauer, sondern auch auf die Schlafqualität und die dabei beeinflussenden Faktoren zu konzentrieren. Zu diesen Faktoren gehören ihrer Meinung nach die Exposition gegenüber blauem Licht, Ernährung und Bewegung.

Schließlich wissen wir, dass Schlaf auch einen Einfluss auf psychische Erkrankungen, wie ADHS und Depressionen hat. In Anbetracht seiner Rolle in den Entwicklungsphasen des Gehirns verdient er besondere klinische und nicht-klinische Aufmerksamkeit.

Bei neurocare verstehen wir die zentrale Rolle, die der Schlaf für psychischen Erkrankungen spielt. Aus diesem Grund ist eine detaillierte Schlafbeurteilung, einschließlich der Aktigraphie, Teil unseres Aufnahmeverfahrens in den Therapie- und Coachingzentren. Therapeut:innen bieten wir das Wissen und die Technologie, um den Schlaf als Therapiebaustein zu nutzen.

 

Referenzen

1) Effects of sleep duration on neurocognitive development in early adolescents in the USA: a propensity score-matched, longitudinal, observational study - The Lancet Child & Adolescent Health

2) 2022 News - Children Who Lack Sleep May Experience Detrimental Impact on Brain and Cognitive Development That Persists Over Time, UM School of Medicine Study Finds | University of Maryland School of Medicine (umaryland.edu)


Über den Autor

Florians Forschung erstreckt sich über die Bereiche Neurowissenschaften, Philosophie und Psychoanalyse. Ursprünglich hat Florian kognitive Neurowissenschaften und Forschungspsychologie studiert und war an mehreren empirischen Studien zu Themen wie "Mind-Wandering" und visuelle Wahrnehmung beteiligt. Derzeit ist er Doktorand am Global Centre for Advanced Studies in Dublin und arbeitet für die neurocare group als Global Business Development Manager.

 

 

 

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