Blick eines Psychologen auf ADHS und die Zukunft der Behandlung

Zum Abschluss des „ADHS-Awareness-Month“ nutzen wir die Gelegenheit, mit einem unserer Therapeuten aus den Niederlanden zu sprechen - Dr. Joris van Neijenhof, der seit vielen Jahren mit ADHS-Patient:innen arbeitet. In diesem Interview erzählt Joris von seiner Motivation, seinen Erfahrungen und seinen Spekulationen über künftige ADHS-Behandlungen.

Joris van Neijenhof

Warum arbeiten Sie im Bereich der psychischen Gesundheit und warum konzentrieren Sie sich speziell auf ADHS?

Ich habe mich schon immer für menschliches Verhalten und das Gehirn interessiert und auch dafür, Menschen bei der Bewältigung von Beeinträchtigungen zu helfen, sei es aufgrund von Hirnschäden (das war mein erster Job) oder von psychiatrischen Erkrankungen. ADHS ist faszinierend, weil es sich um ein so heterogenes Phänomen handelt und viel geredet wird über zugrunde liegende Prozesse, die schief laufen. Aber manche Menschen werden im Alltag stark beeinträchtigt; sie versinken im Chaos, sind gefährdet für Drogenmissbrauch und begleitende Depressionen und Ängste.

Was hat sich in dieser Zeit verändert (klinisch, aber auch in Bezug auf die Klientel)?

Nun, es scheint ein größeres Bewusstsein für die Vor- und Nachteile von Medikamenten zu geben, insbesondere wenn man bedenkt, dass Schulkindern in einem Zeitraum der letzten 10 - 15 Jahre bis zu viermal mehr Medikamente verschrieben wurden, während die Prävalenz von ADHS ziemlich konstant geblieben zu sein scheint. Das zeigt, dass ADHS selbst nicht auf dem Vormarsch ist, sondern dass wir es als Gesellschaft eher als Problem betrachten. Ich würde noch hinzufügen, dass die Menschen im Allgemeinen mehr über ADHS wissen, weil der Zugang zu Informationen so einfach ist, und wir als Psychologen werden oft mit Patienten konfrontiert, die ihre Hausaufgaben im Internet gemacht haben, was ich im Großen und Ganzen für eine gute Sache halte. Auch die Zahl der Menschen, die herausfinden wollen, ob sie "es" haben, ist im Laufe der Jahre stetig gestiegen.

Wissen wir, was ADHS verursacht?

Nun, es gibt sicherlich viele Ideen, und im Großen und Ganzen wird es oft als eine Entwicklungsstörung angesehen. An dieser Vorstellung finde ich problematisch, dass die gesamte Forschung noch kein endgültiges und überzeugendes Modell dafür gefunden hat, was mit dem Gehirn eigentlich nicht stimmt. Mir persönlich gefällt die Vorstellung, dass ADHS zumindest bei einigen Menschen ein Symptomprofil ist, das durch eine zugrunde liegende Schlafstörung verursacht wird, die bereits in der frühen Kindheit vorhanden sein kann. Das Problem besteht darin, dass man nicht in der Lage ist, zur richtigen Zeit einzuschlafen, und deshalb chronischen Schlafmangel erleidet. Dies wiederum macht das Vorderhirn schläfrig, was zu Problemen mit der Aufmerksamkeit, der Planung und der Organisation führt, und man verliert auch die "Bremse" für seine Emotionen und sein Verhalten, was zu Impulsivität und Hyperaktivität führt. Dies erklärt auch, warum so viele Menschen mit ADHS emotionale Probleme haben, die sogar zu Angstzuständen und Depressionen führen, und warum sie ein Risiko für Drogenmissbrauch haben. Es ist, als ob das Gehirn den Dirigenten des Orchesters verliert und alle Musiker wild werden.

Was sind die Anzeichen/Symptome von ADHS - wann sollte man sich in Behandlung begeben?

Wenn Sie häufig unter Aufmerksamkeitsdefiziten, Planungschaos (Dinge verlieren, Termine verpassen, immer zu spät kommen), übermäßigem Tagträumen und/oder Problemen mit Impulsivität und hyperaktivem Verhalten leiden und sich dies negativ auf Ihr Leben auswirkt. Dann sollten Sie einen Fachmann aufsuchen, der Ihnen helfen kann herauszufinden, ob Sie unter ADHS leiden und ob eine Behandlung Ihnen helfen könnte.

Wie leben Menschen mit ADHS - wie wirkt es sich auf ihr Leben aus?

Sie klagen oft darüber, dass sie in einem totalen Chaos leben, sich nie entspannt fühlen (immer "auf Draht" sind), nicht in der Lage sind, einen Job zu behalten, in der Schule/im Studium versagen und von Lehrern, Eltern, Geschwistern und Freunden geärgert werden bzw. dass diese mit ihnen verzweifeln. Dies wirkt sich oft stark auf ihr Selbstbild aus. Sie haben das Gefühl, häufig zu versagen, und werden als das lästige Kind oder der faule und taktlose Freund abgestempelt, der Termine vergisst, Sachen verliert und alles durcheinander bringt. Ganz zu schweigen von den Problemen, die durch Drogenmissbrauch, Angstzustände und Depressionen entstehen. Fairerweise muss man sagen, dass es auch Positives geben kann: Menschen mit ADHS wird oft nachgesagt, dass sie kreativ, lustig und partyfreudig sind und eine Menge Energie mitbringen. Manchmal finden sie auch ihren Platz in der Gesellschaft, z. B. als Künstler oder in Berufen, in denen energiegeladene Menschen gebraucht werden (vor allem, wenn es sich um einen Nachtjob handelt, bei dem das Schlafproblem nicht so stark ins Gewicht fällt). Obwohl ADHS also lähmend sein kann, ist es nicht immer nur schlecht, und ich habe auch Beispiele von Menschen mit ADHS gesehen, die ihre Intelligenz und Selbstdisziplin nutzen, um in anspruchsvollen Berufen hervorragende Leistungen zu erbringen, und die gleichzeitig Kreativität und Energie ausstrahlen.

Ist es möglich, ADHS zu "heilen", oder kann man nur die Symptome in den Griff bekommen?

Das ist eine schwierige Frage. Ich habe einige Beispiele von Menschen gesehen, bei denen die Hauptsymptome verschwunden sind, und wir konnten sie nicht mehr als ADHS klassifizieren. Ich habe das mit Neurofeedback gesehen, und in einigen Fällen auch mit der richtigen Medikation. Aber ich denke, für die meisten geht es darum, ihre Symptome so weit zu kontrollieren, dass sie (besser) damit leben können. Interessant ist, dass Menschen, die zwar immer noch Symptome von Unaufmerksamkeit und Hyperaktivität haben, sich aber im Alltag dadurch nicht eingeschränkt fühlen, eigentlich nicht als ADHS-Patienten eingestuft werden dürfen. Das System besagt, dass sie in mindestens 2 Bereichen des gesellschaftlichen Lebens Probleme haben sollten. Zwei Menschen mit genau denselben Symptomen und demselben Schweregrad können also unterschiedlich eingestuft werden (der eine hat es, der andere nicht).

Was sind die gängigsten Ansätze zur Behandlung von ADHS?

Medikamente und ganzheitliche Verhaltenstherapien wie Training der Lebensführung und Planungstraining. Es gibt auch einige Erfolge bei der Anpassung der Ernährung, aber die Literatur dazu ist oft von schlechter Qualität und nicht immer überzeugend.

Welche Rolle spielen Medikamente bei der Behandlung von ADHS (früher und heute)?

Sie waren schon immer die wichtigste Behandlungsoption, oft schon im Kindesalter. Jetzt erfahren wir mehr darüber, was sie im (oder am) Gehirn bewirken, und die Meinungen darüber, ob sie der Gesundheit schaden, wie wirksam sie sind und welche langfristigen (Neben-)Wirkungen sie haben, gehen weit auseinander. Es gibt jetzt sogar einige Erkenntnisse darüber, dass sie nicht nur die primären Symptome lindern, sondern sich auch positiv auf den Schlaf auswirken können. Die Entscheidung darüber steht also noch aus.

Patient doing Neurofeedback therapy for ADHD

Was sind die Vorteile von Neurofeedback bei ADHS?

Neurofeedback macht sich die natürliche Aktivität des Gehirns und die natürlichen Lernprozesse zunutze, so dass es keine negativen Nebenwirkungen wie bei Medikamenten gibt. Es gibt auch Hinweise auf eine bessere Langzeitwirkung als bei Medikamenten. Außerdem sind wir der Meinung, dass die Therapie mehr auf den Kern des Problems abzielt, während es bei Medikamenten eher um die Unterdrückung der Symptome geht.

Gibt es stichhaltige Beweise, die den Einsatz von Neurofeedback bei ADHS unterstützen?

Ja, wenn man weiß, wie man die gemischten Ergebnisse in der Literatur beurteilen soll. Es ist sehr schwierig, Neurofeedback zu erforschen, und selbst kleine Änderungen können das Training unwirksam machen. Es ist auch realistisch zu sagen, dass wir derzeit noch zu verstehen versuchen, wie es funktioniert und welches die wirksamen Komponenten sind. Die klinischen Ergebnisse können sehr beeindruckend sein, und es wurde festgestellt, dass bis zu 70 % der Menschen (Kinder und Jugendliche) vom (Neurofeedback-)Training profitierten. Sei es durch eine Verbesserung oder durch eine fast vollständige Beseitigung des Symptomprofils. Es ist schwer für Therapeuten, sich nicht dafür zu begeistern.

Gibt es noch andere "medikamentenfreie" Interventionen?

Ja. Viele Einrichtungen für psychische Gesundheit bieten Verhaltensprogramme an, in denen Menschen mit ADHS lernen, mit ihren Symptomen umzugehen. Die Literatur zeigt, dass die Auswirkungen eher bescheiden sind, aber man kann mehr Einblick in sein ADHS bekommen und lernen, besser zu planen und zu organisieren. Anderen Behandlungsmethoden stehe ich kritisch gegenüber, weil ich keine überzeugenden Studien gesehen habe, die belegen, dass sie funktionieren, und weil man auf dem Markt eine Menge "Schlangenöl" finden kann.

Was sind Ihre Erwartungen und Wünsche für die Zukunft der ADHS-Behandlung?

Ich hoffe, dass Neuromodulationstechniken wie Neurofeedback weiterhin eine wichtige Rolle bei der Unterstützung von Menschen mit ADHS und Schlafproblemen spielen werden. Ich hoffe auch, dass wir mehr darüber lernen, wie sie funktionieren und wie wir sie optimieren können, damit sie noch wirksamer werden. Ich bin sehr gespannt darauf, ob in Zukunft noch andere Trainings oder Interventionen das Licht der Welt erblicken werden. Ich denke, mit der Entwicklung unserer Gesellschaft, vor allem mit all den Informationen, mit denen wir ständig überflutet werden, und all den Bildschirmen, die sich in unser Leben eingeschlichen haben, werden die Aufmerksamkeitsspanne und die Geduld wahrscheinlich kürzer. Und das hat das Potenzial, uns alle ein bisschen mehr „zu ADHS zu machen“.

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